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Carl Loewe über sich selbst


Ich war der Jüngste von zwölf Geschwistern. Mein Vater stammte aus Könnern, und hatte ein reiches Mädchen, MARIE LEOPOLD, die Tochter eines Seilers geheirathet. Ich wollte deshalb als Kind Seiler werden; das stille Handwerk, das, wie mir damals schien, so viel freie Gedanken und Träume zuliess, gefiel mir. ... Haus und Scheune lagen dem Schulgebäude im Rücken.

Mein Vater war Kantor und Lehrer im Städtchen. Er wohnte mit seinen Vorgesetzten, dem Rector NOESSELT, einem kleinen Manne mit großer schwarzer Perücke, und dem Conrector REICHEL in dem Schulgebäude. Unsere Wohnstube war im Winter warm und gemüthlich. Unter ihr wurde die zweite Knabenklasse mit Steinkohlen erwärmt, zu jener Zeit ein im Allgemeinen wenig gebräuchliches Heiz-Material, das dort aber reichlich vorhanden war, da Löbejün grosse Steinkohlengruben hat, in denen an 300 Bergleute arbeiteten. Das eigenthümliche Leben dieser Leute beschäftigte meine kindliche Phantasie lebhaft.

 

... Meine Phantasie arbeitete hinreichend, um mir ein lebhaftes Bild jenes unterirdischen, mit der Geisterwelt so nahe in Berührung tretenden Treibens vorzuführen; sie prägte mir dies tief in die Seele ein, und als ich in späteren Jahren den Bergmann von L. GIESEBRECHT componirte, belebten sich alle diese Eindrücke von Neuem in mir und traten lebendig vor mich hin. 

 

Im Winter pflegte meine Mutter unser Mittagessen in der grossen dreifenstrigen Wohnstube zu bereiten, und da ich ihr gerne in die Töpfe guckte, so musste ich ihr, als ich erst später etwas stärker war, manche Hülfe leisten, Wasser holen, einkaufen gehen. Ich machte mir gern bei ihr zu schaffen. Eines Morgens früh sass ich am Fenster und schaute bald auf den Markt, bald auf die thätigen Hände meiner Mutter, welche in ihren häuslichen Geschäften arbeitete, da trat plötzlich der grosse Rathsdiener des Städtchens, Herr BECKER, der sich am liebsten Unteroffizier tituliren liess, bei uns ein. Der grosse Mann schloss die Thür, griff militärisch an die Mütze und sprach, wie ich zu verstehen glaubte, folgendes:

Der hochlöbliche Rath lässt den Herrn Kantor ersuchen, mit der ersten Knabenklasse beim Antritt des neuen Jahrhunderts vom Thurm zu springen.

Durch einen Schrei des Entsetzens machte sich mein Herz Luft; glaubte ich doch, mein lieber Vater und die Schuljugend sollten zur Feier des grossen Tages vom Thurm herabspringen. Erst als man mir deutlich machte, der Herr Unteroffizier habe nicht springen, sondern singen gesagt, beruhigte ich mich wieder. So wurden denn die guten Löbejüner mit der alten schönen Melodie des Chorals: "Ich singe die mit Herz und Mund" in das neue Jahrhundert eingeführt."

aus Dr. Carl Loewe`s Selbstbiographie von C.H. Bitter (siehe Literaturhinweise .)


Hier bin ich, Johann Carl Gottfried Loewe im Jahre 1796 am 30. Nov. geboren. Mein Geburtstag war zugleich der Namenstag meines Vaters, ANDREAS LOEWE.


"Wenn Du, lieber Leser, auf der Eisenbahn von Köthen nach Halle fährst, so berührst Du unter anderen die Station Stohnsdorf. Rechts über Stohnsdorf hin siehst Du einen Thurm hervorblicken. Dieses ist der Kirchthurm des Städtchens Löbejün.